Künstliche Intelligenz polarisiert. Für die einen ist sie die Technologie, die unsere Arbeitswelt grundlegend verändern wird. Für andere ist bereits die Nutzung eines KI-Werkzeugs verwerflich. Dazwischen scheint manchmal erstaunlich wenig Platz zu sein.
Dabei liegt genau dort der Bereich, der für uns interessant ist.
Wir beschäftigen uns seit vielen Jahren mit Servern, Linux, Webentwicklung, Administration und den Problemen, die dabei zwangsläufig auftreten. Und aus dieser praktischen Sicht betrachten wir auch KI: als Werkzeug.
Nicht als allwissende Maschine. Nicht als Ersatz für Fachwissen. Nicht als etwas, dem wir blind vertrauen sollten.
Aber eben auch nicht als Teufelszeug.
Der Anlass war ausgerechnet eine Katze
Der Anlass für diesen Artikel war überraschenderweise weder ein Serverproblem noch eine neue Software – sondern unsere Katze Lilly.
Für zwei ihrer virtuellen Katzenfreunde sollte zum zweiten Geburtstag ein kleiner Geburtstagsgruß entstehen. Als Grundlage diente ein von uns aufgenommenes Originalfoto von Lilly. Mithilfe einer KI wurde daraus eine verspielte Geburtstagskarte.
Nichts Weltbewegendes. Ein kleiner Spaß, der zwei Menschen und hoffentlich auch ihren Katzen Freude machen sollte.
Daraufhin wurde das Bild als „KI-Müll“ bezeichnet. Später ging die Kritik noch weiter und es wurde uns sinngemäß vorgeworfen, mithilfe von KI Plagiate zu erstellen.
Das hat uns nicht nur geärgert, sondern auch nachdenklich gemacht.
Denn natürlich kann man KI kritisieren. Dafür gibt es mehr als genug gute Gründe. Aber wann ist Kritik sachlich – und wann wird daraus eine pauschale Verurteilung der Technologie und sogar der Menschen, die sie benutzen?
KI gehört inzwischen zu unserem Werkzeugkasten
Als Administrator lernt man ziemlich schnell eine grundlegende Lektion:
Benutze das Werkzeug, das dir bei der Lösung eines Problems hilft – aber verstehe, was du damit tust.
Wir verwenden Editoren, Suchmaschinen, Dokumentationen, Monitoring-Systeme, Debugger, Versionsverwaltung, Skripte und unzählige andere Hilfsmittel.
Heute kann auch KI eines dieser Werkzeuge sein.
Ein typisches Beispiel ist die Fehlersuche.
Ein Dienst startet nach einem Update nicht mehr. Eine Konfigurationsdatei erzeugt plötzlich einen Fehler. Im Log stehen 200 Zeilen Meldungen, von denen vielleicht drei tatsächlich relevant sind.
Eine KI kann dabei helfen, diese Informationen zu sortieren, Fehlermeldungen zu erklären oder mögliche Ursachen aufzuzeigen.
Das bedeutet nicht, dass sie die Lösung kennt.
Aber sie kann dabei helfen, schneller an der richtigen Stelle zu suchen.
Fragen stellen, auf die man selbst noch keine Antwort hat
Eine weitere Stärke liegt für uns in der Recherche.
Früher begann die Suche nach einem technischen Problem häufig bei einer Suchmaschine. Danach folgten Dokumentationen, Foren, Mailinglisten, GitHub-Issues und zahlreiche Webseiten.
Das machen wir auch heute noch.
Eine KI kann jedoch einen zusätzlichen Einstieg bieten. Man kann ein Problem ausführlich beschreiben, Rückfragen stellen, Zusammenhänge erklären lassen und anschließend gezielt dort weiterrecherchieren, wo es interessant wird.
Gerade bei komplexeren Problemen kann das viel Zeit sparen.
Entscheidend ist allerdings ein Wort: überprüfen.
Eine KI kann sich irren. Und sie kann sich auf eine bemerkenswert überzeugende Art irren.
Wer Befehle blind kopiert, hat ein anderes Problem
Das ist gerade für Administratoren wichtig.
Wenn eine KI einen Linux-Befehl vorschlägt, sollte man verstehen, was dieser Befehl bewirkt, bevor man ihn mit administrativen Rechten auf einem produktiven Server ausführt.
Das gilt übrigens nicht nur für KI.
Auch einen Befehl aus einem zehn Jahre alten Forenbeitrag sollte niemand ungeprüft als root in die Konsole kopieren.
Die Verantwortung liegt am Ende bei dem Menschen vor der Tastatur.
KI ersetzt deshalb aus unserer Sicht kein Fachwissen. Im Gegenteil: Je kritischer die Aufgabe, desto wichtiger wird das eigene Wissen, weil nur damit beurteilt werden kann, ob eine vorgeschlagene Lösung überhaupt plausibel ist.
Auch beim Programmieren kann KI helfen
Ähnlich sieht es bei der Entwicklung aus.
Eine Funktion erklären lassen, einen regulären Ausdruck überprüfen, nach einem Fehler in einigen Zeilen Code suchen oder verschiedene Lösungswege diskutieren – dafür kann KI ausgesprochen praktisch sein.
Manchmal liefert sie direkt einen brauchbaren Ansatz.
Manchmal liefert sie Unsinn.
Und manchmal bringt sie einen auf eine Idee, auf die man selbst gerade nicht gekommen wäre.
Auch hier bleibt der Mensch Entwickler und die KI Werkzeug.
Wer erzeugten Code ungeprüft übernimmt, kann sich Fehler und im schlimmsten Fall Sicherheitsprobleme einhandeln.
KI darf auch einfach einmal Spaß machen
Nicht jede Verwendung von Technik muss allerdings einem hochproduktiven Zweck dienen.
Wir betreiben Server, entwickeln Webseiten und beschäftigen uns mit technischen Problemen. Aber wir dürfen Technik trotzdem auch einmal für etwas vollkommen Unwichtiges verwenden.
Zum Beispiel für eine Geburtstagskarte von Katze Lilly an zwei Katzenfreunde.
Wir finden daran nichts Verwerfliches.
Das Ausgangsmaterial war unser eigenes Foto. Das Ergebnis sollte offensichtlich keine fotografische Realität dokumentieren. Es war eine kleine kreative Spielerei.
Und ja: Auch dafür kann man KI verwenden.
Die Kritik an KI ist trotzdem notwendig
All das bedeutet keineswegs, dass wir die Entwicklung rund um KI unkritisch sehen.
Es gibt wichtige Fragen.
- Wie hoch ist der Energie- und Ressourcenverbrauch großer Modelle?
- Unter welchen Bedingungen wurden Trainingsdaten gesammelt?
- Wie werden Urheberrechte berücksichtigt?
- Was passiert mit Informationen, die Nutzer an kommerzielle KI-Dienste übermitteln?
- Welche Abhängigkeiten entstehen von wenigen großen Unternehmen?
- Wie verändern KI-Systeme Arbeitsplätze?
Und wie gehen wir mit einer Technologie um, mit der sich in kürzester Zeit große Mengen an Texten, Bildern, Audio und Videos erzeugen lassen?
Darüber müssen wir diskutieren.
Gerade wir Menschen aus dem technischen Umfeld sollten das tun.
Zwischen Kritik und Verteufelung
Was uns zunehmend stört, ist etwas anderes.
Es entsteht teilweise der Eindruck, dass bereits die Verwendung einer KI ausreicht, um das Ergebnis pauschal abzuwerten – unabhängig davon, wofür die Technik eingesetzt wurde und wie der Mensch damit umgegangen ist.
Damit wird eine notwendige Diskussion unnötig vereinfacht.
Man kann den Energieverbrauch kritisieren und trotzdem anerkennen, dass KI bei einer Fehlersuche hilfreich sein kann.
Man kann die Geschäftspraktiken großer KI-Unternehmen hinterfragen und trotzdem ein Sprachmodell zur Erklärung einer Fehlermeldung benutzen.
Man kann über Trainingsdaten und Urheberrecht diskutieren und trotzdem unterscheiden, ob jemand bewusst ein fremdes Werk kopiert oder aus einem eigenen Katzenfoto eine Geburtstagskarte gestaltet.
Diese Differenzierung geht in der teilweise sehr emotional geführten Diskussion verloren.
Open Source und Selbstbestimmung gehören ebenfalls zur Debatte
Für Administratoren gibt es noch einen weiteren interessanten Aspekt.
KI bedeutet nicht zwangsläufig, dass sämtliche Daten an einen großen kommerziellen Anbieter geschickt werden müssen.
Es gibt freie Modelle und Möglichkeiten, KI-Systeme lokal oder auf eigener Infrastruktur zu betreiben. Das ist nicht für jeden Anwendungsfall praktikabel und benötigt entsprechende Hardware. Trotzdem gehört auch diese Entwicklung zur Debatte.
Gerade aus Sicht von Open Source, Datenschutz und digitaler Selbstbestimmung ist es interessant, sich damit zu beschäftigen, anstatt die gesamte Technologie pauschal abzulehnen.
Wenn uns die gegenwärtigen Strukturen rund um KI nicht gefallen, sollte eine mögliche Antwort auch lauten: Wie können wir es besser machen?
Der Mensch bleibt verantwortlich
Für uns ist deshalb weder blinde KI-Begeisterung noch pauschale Ablehnung eine überzeugende Position.
- Wir werden KI weiterhin verwenden, wenn sie uns sinnvoll erscheint.
- Wir werden ihre Antworten überprüfen.
- Wir werden Fehler suchen.
- Wir werden Ergebnisse verwerfen, wenn sie schlecht sind.
- Wir werden darauf achten, welche Informationen wir einem Dienst anvertrauen.
Und gelegentlich werden wir damit wahrscheinlich auch weiterhin etwas vollkommen Unwichtiges und Lustiges machen.
Vielleicht sogar wieder mit Lilly.
Denn letztlich unterscheidet sich KI in einem entscheidenden Punkt gar nicht so sehr von vielen anderen Werkzeugen unseres Admin-Alltags:
Ein Werkzeug nimmt uns die Verantwortung für seine Verwendung nicht ab.
Deshalb ist KI für uns weder Heilsbringer noch Teufelszeug.
Sie ist ein neues und ausgesprochen mächtiges Werkzeug in einem Werkzeugkasten, der ohnehin schon ziemlich voll ist.
Wir sollten lernen, damit umzugehen – neugierig, kritisch und mit dem nötigen Fachwissen.
Und manchmal vielleicht auch mit ein wenig Gelassenheit.