„Keiner weiß alles.“
Dieser Satz klingt selbstverständlich. Trotzdem wird er nicht von jedem gern gehört. Im beruflichen Umfeld wird die eigene Leistungsfähigkeit häufig daran gemessen, möglichst für jedes Problem selbst eine Antwort zu haben. Gerade bei selbstständig oder freischaffend arbeitenden Fachleuten kann dadurch der Eindruck entstehen, dass das Eingeständnis eigener Grenzen als Schwäche verstanden werden könnte.
Wir sehen darin das Gegenteil.
Wer die Grenzen des eigenen Wissens kennt, kann gezielt mit Menschen zusammenarbeiten, deren Kenntnisse die eigenen ergänzen. Aus mehreren unterschiedlichen Fähigkeiten kann so eine Gruppe entstehen, die wesentlich leistungsfähiger ist als jeder Einzelne für sich.
Diese Überzeugung beruht nicht nur auf einer theoretischen Vorstellung. Einer von uns hat selbst erlebt, wie wirkungsvoll eine solche Zusammenarbeit sein kann.
Sechs Administratoren für rund 2.000 Anwender
Ich, Steffen, arbeitete in einem früheren Projekt als Freischaffender gemeinsam mit angestellten Administratoren. Insgesamt waren wir sechs Administratoren in einer Umgebung mit rund 2.000 Anwendern.
Störungen und Anforderungen wurden über ein Ticketsystem erfasst und von uns bearbeitet. Jeder im Team verfügte über besondere Kenntnisse und Erfahrungen. Bestimmte Aufgaben lagen dem einen besser, andere einem Kollegen. Diese Unterschiede wurden nicht als Mangel betrachtet, sondern sinnvoll genutzt.
Die Aufgaben wurden nach den vorhandenen Fähigkeiten übernommen. Wenn zusätzliches Wissen erforderlich war, unterstützten sich die Kollegen gegenseitig. Niemand musste den Eindruck erwecken, alles allein lösen zu können. Eine fachliche Frage war kein Zeichen von Unsicherheit, sondern ein normaler Bestandteil der gemeinsamen Arbeit.
Entscheidend war außerdem, dass keiner ausschließlich auf „seine“ Aufgaben blickte. Jeder hatte das Gesamtziel der Gruppe und den zuverlässigen Betrieb für alle Anwender im Blick.
Zusammenarbeit ohne Gegeneinander
In der gesamten Zeit gab es innerhalb unserer Gruppe kein böses Wort. Der Umgang war kollegial und in gewisser Weise sogar familiär. Unterschiedliche Fähigkeiten führten nicht zu Konkurrenz, sondern zu gegenseitiger Ergänzung.
Das bedeutete nicht, dass jeder alles gemeinsam erledigte. Im Gegenteil: Aufgaben konnten besonders effizient bearbeitet werden, weil Zuständigkeiten und Fähigkeiten sinnvoll zusammenpassten. Gleichzeitig blieb niemand mit einem schwierigen Problem allein.
Mit der Zeit gelang es uns, die Anzahl der auftretenden Störungen deutlich zu reduzieren. Wir arbeiteten also nicht nur vorhandene Tickets ab, sondern verbesserten gemeinsam die Umgebung, in der diese Störungen entstanden. Jede nachhaltig gelöste Ursache verringerte den späteren Aufwand für die gesamte Gruppe.
Nur durch diese besondere Arbeitsweise konnten wir als Team ein deutlich höheres Arbeitspensum bewältigen. Die Leistungsfähigkeit entstand nicht daraus, dass jeder Einzelne immer mehr arbeitete. Sie entstand aus der sinnvollen Verbindung unterschiedlicher Kenntnisse, gegenseitiger Unterstützung und eines gemeinsam getragenen Ziels.
Nicht jeder musste alles können. Aber gemeinsam konnten wir nahezu jede anstehende Aufgabe lösen.
Was sich auf Freischaffende übertragen ließe
Seit mehreren Jahren versuche ich, diese positive Erfahrung auf eine Zusammenarbeit zwischen freischaffenden Administratoren und Erstellern von Webprojekten zu übertragen. Bislang ist es mir nicht gelungen, daraus eine dauerhaft funktionierende Kooperation aufzubauen.
An der Grundidee hat das nichts geändert.
Freischaffende arbeiten häufig allein. Sie betreuen ihre eigenen Kunden, entwickeln ihre eigenen Lösungen und tragen die Verantwortung für ihre Projekte. Diese Selbstständigkeit ist wertvoll. Sie setzt der möglichen Auftragsgröße und fachlichen Breite aber natürliche Grenzen.
Ein Einzelner kann nur eine begrenzte Zahl von Aufgaben gleichzeitig übernehmen. Auch langjährige Erfahrung deckt nicht jedes technische Gebiet in derselben Tiefe ab. Hinzu kommen Urlaubszeiten, Erkrankungen oder besonders arbeitsintensive Phasen. Größere Projekte verlangen außerdem häufig mehrere Fachgebiete und eine verlässliche gegenseitige Vertretung.
Eine geeignete Kooperation könnte diese Grenzen erweitern, ohne dass die Beteiligten ihre Selbstständigkeit aufgeben müssten.
Mehrere Freischaffende könnten sich projektbezogen ergänzen, Aufgaben nach ihren jeweiligen Fähigkeiten verteilen und sich bei schwierigen Fragen gegenseitig unterstützen. Gemeinsam könnten sie Aufträge übernehmen, die für einen Einzelnen zu umfangreich oder fachlich zu breit wären.
Kooperation ist mehr als das Weiterreichen von Aufträgen
Eine solche Zusammenarbeit darf sich nicht darauf beschränken, gelegentlich einen Auftrag weiterzugeben, für den gerade keine Zeit vorhanden ist. Ebenso wenig genügt eine Liste von Kontakten, die im Notfall angerufen werden können.
Eine wirkliche Kooperation benötigt Vertrauen, Verlässlichkeit und einen offenen fachlichen Austausch. Die Beteiligten müssen bereit sein, Verantwortung nicht nur für ihren eigenen Teilbereich, sondern auch für das gemeinsame Ergebnis zu übernehmen.
Dazu gehört, die Fähigkeiten der anderen anzuerkennen und zugleich die eigenen Grenzen offen benennen zu können. Dazu gehört auch, Wissen zu teilen, nachvollziehbar zu dokumentieren und Unterstützung anzubieten, ohne jede Hilfeleistung sofort gegeneinander aufzurechnen.
Die Kundenbeziehung muss ebenfalls geschützt bleiben. Niemand darf befürchten müssen, durch die Zusammenarbeit einen Kunden oder eigenes Fachwissen zu verlieren. Zuständigkeiten, Kommunikation und wirtschaftliche Vereinbarungen müssen deshalb von Anfang an transparent und fair geregelt werden.
Kooperation funktioniert nicht durch einen gemeinsamen Namen. Sie funktioniert durch gemeinsames Handeln.
Der gemeinsame Erfolg verändert die Zusammenarbeit
In vielen Arbeitsbeziehungen wird zuerst danach gefragt, welchen persönlichen Vorteil eine Aufgabe bringt. In einer leistungsfähigen Gruppe erweitert sich diese Sichtweise: Was hilft dem gemeinsamen Projekt? Was entlastet einen Kollegen? Welche Lösung verhindert, dass dieselbe Störung erneut auftritt? Und wer besitzt für die aktuelle Aufgabe die besten Voraussetzungen?
Dadurch verliert der Einzelne nichts. Im Gegenteil: Wenn die Gruppe erfolgreich arbeitet, profitieren auch alle Beteiligten.
Der Gewinn besteht nicht ausschließlich aus einem höheren möglichen Auftragsvolumen oder zusätzlichen Einnahmen. Jeder kann durch die Kenntnisse und Erfahrungen der anderen fachlich wachsen. Probleme werden aus mehreren Blickwinkeln betrachtet. Entscheidungen können besser geprüft und Fehler früher erkannt werden. Wissen, das sonst nur in einzelnen Projekten entsteht, kommt der gesamten Gruppe zugute.
So wächst nicht nur die wirtschaftliche Reichweite. Es wächst auch die fachliche Sicherheit jedes Beteiligten.
Warum es trotzdem schwierig ist
Freischaffende sind es gewohnt, eigenständig zu entscheiden und ihre Kundenbeziehungen selbst zu schützen. Häufig werden andere Anbieter zunächst als Wettbewerber wahrgenommen. Manche möchten ihr Wissen nicht offenlegen. Andere befürchten, innerhalb einer Gruppe an Selbstständigkeit zu verlieren oder für Fehler anderer einstehen zu müssen.
Diese Bedenken sind verständlich. Sie lassen sich nicht durch einen unverbindlichen Aufruf zur Zusammenarbeit auflösen.
Eine tragfähige Kooperation muss langsam wachsen. Sie benötigt klare Absprachen, erste überschaubare gemeinsame Aufgaben und die Erfahrung, dass sich alle Beteiligten aufeinander verlassen können. Fachliche Fähigkeiten allein reichen dafür nicht aus. Ebenso wichtig sind Verantwortungsbewusstsein, Offenheit, respektvolle Kommunikation und die Bereitschaft, das gemeinsame Ziel über persönliche Eitelkeiten zu stellen.
Nicht jeder Freischaffende passt zu jeder Gruppe. Das ist kein Problem, sondern eine notwendige Erkenntnis. Eine leistungsfähige Kooperation entsteht nicht durch möglichst viele Beteiligte, sondern durch Menschen, deren Fähigkeiten und Arbeitsweisen sich sinnvoll ergänzen.
Keiner weiß alles – und niemand muss alles wissen
Ich bemühe mich seit mehreren Jahren darum, Menschen für eine solche Zusammenarbeit zu finden. Der bisher ausgebliebene Erfolg zeigt, wie anspruchsvoll dieses Vorhaben ist. Er widerlegt jedoch nicht die Erfahrung, die am Anfang unserer Überlegungen steht.
Wir haben erlebt, dass eine Gruppe mit unterschiedlichen Fähigkeiten, gegenseitigem Vertrauen und einem gemeinsamen Ziel außerordentlich leistungsfähig werden kann. Wir wissen, dass dadurch ein höheres Arbeitspensum möglich ist, ohne dass jeder Einzelne alle Aufgaben allein beherrschen muss. Und wir wissen, dass die Beteiligten dabei nicht nur wirtschaftlich, sondern auch fachlich gewinnen können.
Deshalb halten wir weiterhin an dieser Idee fest.
Vielleicht erreicht dieser Beitrag freischaffende Administratoren oder Ersteller von Webprojekten, die ähnlich denken. Menschen, die ihre Selbstständigkeit bewahren und dennoch nicht jede Herausforderung allein bewältigen möchten. Menschen, die eigenes Wissen einbringen, von anderen lernen und gemeinsam auch größere Aufgaben verantworten wollen.
„Keiner weiß alles“ ist keine Herabsetzung fachlicher Kompetenz. Es ist die ehrliche Grundlage dafür, dass aus mehreren Einzelnen eine wirklich leistungsfähige Gemeinschaft entstehen kann.