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Fediverse: Freiheit braucht Verantwortung – auch bei den Instanzbetreibern

Gespeichert von dadmin02 am

Immer wieder begegnen uns im Fediverse Aussagen wie:

„Auch dein Instanzbetreiber kann sehen, was du machst.“

Daraus entsteht schnell der Eindruck, eine Fediverse-Instanz würde ihre Nutzer ähnlich überwachen wie große kommerzielle Plattformen.

Ganz so einfach ist es jedoch nicht.

Natürlich ist das Fediverse kein anonymer Raum. Wer einen Account auf einer Instanz nutzt, verwendet einen Server, auf dem Daten verarbeitet werden. Dazu gehören – abhängig von der eingesetzten Software und Konfiguration – beispielsweise Accountdaten, Beiträge, Verbindungen zu anderen Accounts, IP-Adressen und technische Protokolldaten.

Auch nichtöffentliche Kommunikation im Fediverse sollte deshalb nicht automatisch mit einer Ende-zu-Ende-verschlüsselten Kommunikation gleichgesetzt werden.

Das sollte jedem bewusst sein, der das Fediverse nutzt.

Aber:

Die technische Möglichkeit, bestimmte Daten verarbeiten oder im notwendigen Rahmen einsehen zu können, ist noch lange nicht dasselbe wie eine Überwachung der Nutzer.

Eine Instanz zu betreiben bedeutet Verantwortung zu übernehmen

Wer eine öffentliche Fediverse-Instanz betreibt – unabhängig davon, ob Mastodon, Friendica, Hubzilla, Pixelfed, Akkoma, GoToSocial oder eine andere Anwendung eingesetzt wird – stellt nicht einfach nur einen Server ins Internet.

Mit dem Betrieb einer Instanz übernimmt man Verantwortung.

Zunächst ist da die technische Seite:

  • der Server muss administriert und abgesichert werden,
  • Sicherheitsupdates müssen zeitnah eingespielt werden,
  • die verwendete Fediverse-Software muss gepflegt und aktualisiert werden,
  • Backups müssen erstellt und überprüft werden,
  • Fehler und Störungen müssen untersucht werden,
  • Spam und automatisierte Angriffe müssen erkannt und abgewehrt werden,
  • und die Stabilität des gesamten Systems muss im Blick behalten werden.

Bei einer föderierten Anwendung kommt noch eine Besonderheit hinzu:

Die eigene Instanz kommuniziert permanent mit zahlreichen fremden Systemen. Damit gehören auch externe Fehler, langsame Gegenstellen und problematische Aktivitäten zum alltäglichen Betriebsumfeld.

Doch die Verantwortung endet nicht bei der Technik.

Auch die Nutzer einer Instanz müssen geschützt werden

Wer anderen Menschen Accounts auf seiner Instanz zur Verfügung stellt, trägt auch Verantwortung für die Gemeinschaft, die darauf entsteht.

Ein Instanzbetreiber kann sich deshalb nicht grundsätzlich auf den Standpunkt stellen:

„Was meine Nutzer veröffentlichen oder wie sie sich anderen gegenüber verhalten, geht mich nichts an.“

Was passiert beispielsweise, wenn ein Account:

  • andere Menschen massiv belästigt,
  • Hass oder Hetze verbreitet,
  • fortwährend Spam versendet,
  • aggressive Werbung betreibt,
  • verbotene Inhalte veröffentlicht,
  • andere Nutzer bedroht,
  • oder durch sein Verhalten der gesamten Instanz schadet?

Dann muss ein Instanzbetreiber reagieren können.

Genau deshalb gibt es auf vielen Instanzen Regeln oder Nutzungsbedingungen.

Regeln sind jedoch nur dann sinnvoll, wenn sie bei schweren oder wiederholten Verstößen auch durchgesetzt werden können.

Moderation ist nicht automatisch Überwachung

An dieser Stelle halten wir eine klare Unterscheidung für wichtig.

Ein verantwortungsvoller Administrator sitzt nicht vor seinem Bildschirm und verfolgt aus Neugier, wer wann mit wem kommuniziert.

Moderation entsteht in der Praxis vielmehr aus konkreten Situationen:

  • Nutzer melden einen Beitrag oder einen Account,
  • Spam fällt durch ungewöhnliche Aktivitäten auf,
  • eine andere Instanz meldet problematisches Verhalten,
  • technische Protokolle zeigen Missbrauch oder Angriffe,
  • oder ein Regelverstoß wird öffentlich sichtbar.

Der Administrator braucht in solchen Fällen Möglichkeiten, die Situation zu untersuchen und gegebenenfalls einzugreifen.

Diese Möglichkeit ist Teil seiner Verantwortung.

Entscheidend ist nicht, ob ein Administrator technische Möglichkeiten besitzt, sondern wie verantwortungsvoll er damit umgeht.

Datenschutz bleibt trotzdem eine zentrale Aufgabe

Gerade weil ein Instanzbetreiber technisch weitreichende Rechte auf seinem eigenen Server besitzt, entstehen daraus besondere Pflichten.

Zu einem verantwortungsvollen Betrieb gehören aus unserer Sicht unter anderem:

  • Datensparsamkeit,
  • eine sichere Serverkonfiguration,
  • ein nachvollziehbarer Umgang mit Protokolldaten,
  • Schutz vor unberechtigten Zugriffen,
  • regelmäßige Sicherheitsupdates,
  • transparente Regeln,
  • ein erreichbarer Ansprechpartner,
  • und ein respektvoller Umgang mit den Daten der Nutzer.

Ein Serveradministrator besitzt technisch zwangsläufig weitreichende Zugriffsrechte.

Das gilt nicht nur für das Fediverse, sondern beispielsweise auch für Mailserver, Webserver, Foren, Clouds oder andere selbst betriebene Internetdienste.

Deshalb spielt Vertrauen eine wichtige Rolle.

Die Wahl einer Instanz ist auch eine Vertrauensentscheidung

Im Fediverse kann sich jeder selbst aussuchen, auf welcher Instanz er einen Account anlegt.

Dabei lohnt es sich durchaus, nicht nur auf den Namen oder die Größe einer Instanz zu achten.

Interessante Fragen sind beispielsweise:

  • Wer betreibt die Instanz?
  • Gibt es einen nachvollziehbaren Ansprechpartner?
  • Welche Regeln gelten?
  • Wie wird mit Datenschutz umgegangen?
  • Wie transparent kommunizieren die Betreiber?
  • Wie lange existiert die Instanz bereits?
  • Wie wird mit Problemen und Moderationsfällen umgegangen?

Gerade kleinere, persönlich geführte Instanzen können dabei einen Vorteil haben:

Man weiß häufig sehr genau, wer hinter dem Server steht und kann mit den Verantwortlichen direkt kommunizieren.

Aber auch dort bleibt Vertrauen notwendig.

Dezentral bedeutet nicht anonym

Eines der häufigsten Missverständnisse rund um das Fediverse besteht darin, Dezentralität mit Anonymität gleichzusetzen.

Beides hat jedoch zunächst nichts miteinander zu tun.

Dezentralität bedeutet nicht Anonymität.

Dezentralität bedeutet, dass nicht ein einziges Unternehmen die komplette Infrastruktur, sämtliche Accounts und alle Regeln kontrolliert.

Stattdessen existieren viele voneinander unabhängige Instanzen.

Jeder Betreiber entscheidet zunächst selbst:

  • welche Software eingesetzt wird,
  • welche Regeln auf der Instanz gelten,
  • welche Accounts dort aufgenommen werden,
  • mit welchen anderen Instanzen föderiert wird,
  • und welche Server gegebenenfalls eingeschränkt oder blockiert werden.

Auch Nutzer haben dadurch eine Wahl.

Sie können sich eine Instanz suchen, deren Regeln und Betreiber zu ihren eigenen Vorstellungen passen.

Genau darin liegt ein wesentlicher Unterschied zu großen zentralisierten Plattformen.

Wer maximale Kontrolle möchte, kann eine eigene Instanz betreiben

Das Fediverse bietet noch eine weitere Möglichkeit:

Jeder kann – die notwendigen technischen Kenntnisse und Ressourcen vorausgesetzt – eine eigene Instanz betreiben.

Eine Instanz muss nicht Tausende Nutzer haben.

Sie kann genauso gut nur aus einem einzigen Account bestehen.

Wer seine eigene Friendica-, Mastodon-, Hubzilla- oder eine andere Fediverse-Instanz betreibt, entscheidet selbst über:

  • Server und Hosting,
  • Software und Konfiguration,
  • Backups,
  • Protokollierung,
  • Datenspeicherung,
  • Moderation,
  • und Föderation.

Damit erhält man sehr weitgehende Kontrolle über die eigene lokale Infrastruktur.

Aber genau an diesem Punkt verändert sich auch die Rolle.

Aus dem Nutzer wird ein Instanzbetreiber.

Und plötzlich trägt man selbst die Verantwortung für Serverbetrieb, Sicherheit, Datenschutz, Updates, Backups und Föderation.

Freiheit und Verantwortung gehören auch hier unmittelbar zusammen.

Eine eigene Instanz bedeutet nicht vollständige Kontrolle über das gesamte Fediverse

Eine wichtige Einschränkung sollte dabei nicht vergessen werden.

Auch wer seine eigene Instanz betreibt, kontrolliert damit nicht automatisch alle Daten, die über die Föderation übertragen werden.

Sobald Inhalte mit anderen Instanzen geteilt werden, werden diese auch von den beteiligten entfernten Servern verarbeitet.

Bei öffentlichen Beiträgen ist das offensichtlich.

Aber auch bei eingeschränkt adressierten Inhalten können weitere Instanzen beteiligt sein, beispielsweise die Server der jeweiligen Empfänger.

Die eigene Instanz gibt damit sehr weitgehende Kontrolle über die lokale Datenhaltung – aber nicht über alle Kopien oder Verarbeitungen innerhalb eines föderierten Netzwerkes.

Auch Föderation ist keine Einbahnstraße

Eine eigene Instanz zu betreiben bedeutet außerdem nicht, dass andere Server verpflichtet wären, mit dieser Instanz zu kommunizieren.

Eine Instanz kann an der Föderation teilnehmen.

Sie muss es aber nicht.

Und wenn sie föderiert, treffen auch die Betreiber anderer Instanzen ihre eigenen Entscheidungen.

Wenn von einem Server beispielsweise dauerhaft:

  • Spam,
  • massive Belästigungen,
  • problematische automatisierte Aktivitäten,
  • oder Inhalte ausgehen, die gegen die Regeln anderer Instanzen verstoßen,

können andere Administratoren diese Instanz einschränken oder vollständig blockieren.

Auch das ist Dezentralität.

Es existiert keine zentrale Stelle, die alle Server dazu zwingt, miteinander zu kommunizieren.

Freiheit bedeutet nicht Regellosigkeit

Manchmal wird Dezentralität so verstanden, als müsste in einem freien Netzwerk grundsätzlich alles erlaubt sein.

Das sehen wir anders.

Freiheit bedeutet nicht, dass andere Menschen jedes Verhalten hinnehmen müssen.

Ebenso wenig bedeutet Dezentralität, dass ein Instanzbetreiber verpflichtet wäre, jedem Account dauerhaft Ressourcen und Reichweite zur Verfügung zu stellen.

Jede Instanz bildet letztlich eine eigene Gemeinschaft mit eigenen Regeln.

Wer diese Regeln nicht akzeptiert, kann eine andere Instanz wählen oder selbst eine betreiben.

Genauso können andere Instanzen entscheiden, mit wem sie föderieren möchten.

Was Nutzer von einem verantwortungsvollen Instanzbetreiber erwarten dürfen

Verantwortung funktioniert in beide Richtungen.

Ein Betreiber darf von seinen Nutzern erwarten, dass sie die Regeln der Instanz respektieren.

Umgekehrt dürfen Nutzer auch etwas von ihrem Betreiber erwarten.

Dazu gehören aus unserer Sicht insbesondere:

  • ein sorgfältiger Umgang mit personenbezogenen Daten,
  • eine angemessene technische Absicherung des Servers,
  • regelmäßige Updates,
  • funktionierende Backups,
  • nachvollziehbare Regeln,
  • eine faire Moderation,
  • kein neugieriges Auswerten privater Daten,
  • und eine möglichst transparente Kommunikation bei Problemen.

Natürlich kann kein Administrator absolute Sicherheit garantieren.

Aber Nutzer dürfen erwarten, dass verantwortungsvoll mit den technischen Möglichkeiten und dem entgegengebrachten Vertrauen umgegangen wird.

Das Fediverse lebt nicht nur von Technik

Ein funktionierendes Fediverse entsteht nicht allein durch ActivityPub, Server und Software.

Es lebt von Menschen.

Von Nutzern, die respektvoll miteinander umgehen.

Von Entwicklern, die Software erstellen und weiterentwickeln.

Von Administratoren, die Infrastruktur bereitstellen.

Von Moderatoren, die Konflikte bearbeiten und Gemeinschaften schützen.

Und nicht zuletzt von den vielen Menschen, die Zeit, Wissen und häufig auch eigenes Geld investieren, damit unabhängige Instanzen überhaupt existieren können.

Unser Fazit

Ja, ein Instanzbetreiber besitzt auf seinem eigenen Server technische Möglichkeiten, die ein normaler Nutzer nicht hat.

Das sollte nicht verschwiegen werden.

Aber daraus automatisch eine „Überwachung“ abzuleiten, greift zu kurz.

Diese technischen Möglichkeiten sind gleichzeitig notwendig, um einen Server sicher zu betreiben, Missbrauch zu erkennen, Regeln durchzusetzen und die eigene Community zu schützen.

Entscheidend ist deshalb der verantwortungsvolle Umgang mit diesen Möglichkeiten.

Dezentralität bedeutet nicht, dass niemand Verantwortung trägt. Die Verantwortung wird auf viele Schultern verteilt.

Genau darin liegt aus unserer Sicht eine der großen Stärken des Fediverse.

Nutzer können sich entscheiden, wem sie vertrauen.

Administratoren können entscheiden, welche Gemeinschaft sie auf ihrer Instanz ermöglichen möchten.

Und wer möglichst viel Kontrolle selbst übernehmen möchte, kann eine eigene Instanz betreiben – übernimmt damit aber gleichzeitig auch die Verantwortung, die zu dieser Freiheit gehört.